01. Juli 2020

Meilensteine unseres Chorlebens 2018-2020 - Teil I

©Sara Storbeck (Sängerin Eppendorf)
Bild: Sara Storbeck (Sängerin Eppendorf)

Zündende Spruchweisheiten decken auf ihre Weise auf, was sich grundsätzlich hinter den eigentlichen Vorgängen verbirgt und manchmal erst im Nachhinein klar wird, dann, wenn man das Denken oder Sprechen über Erlebtes mit einem dieser Sprüche abschließt und wie nach einem ausgiebigen Plausch in vertrauter Runde bekräftigt: „Ja, so ist das“.

 

Man braucht sehr lange, um jung zu werden.

Pablo Picasso

 

Was verbirgt sich hinter dem Motiv, als 60 Plusser einem Chor beizutreten? Es sind derer sicherlich viele, aber sicherlich auch dieses, den Jubel der Jugendjahre wieder aufleben zu lassen, als man zum Überschwang in erlebnisverdichteten Situationen ins Singen, ins Trällern, ins Schwärmen, eben ins Jubilieren nach Lust und Laune und dabei in bekannte oder neu geschaffene Ton-und Liedfolgen verfiel, um dem inneren, angestauten Hochgefühl irgendwie Herr zu werden und Ausdruck zu verleihen. Man darf vermuten, dass wir Sänger*innen daran anknüpfen, im gemeinsamen Singen sich noch einmal und wieder zu verwandeln, sich im Singen zu vergessen, sich miteinander davontragen zu lassen.

 

Wohl auch dadurch bewegt haben sich am 22.08.2018 in Altona nach einem Aufruf in der Zeitung von unserer Chorleiterin Inka Neus spontan 50 Sänger*innen versammelt. Und 2019-20 ist unser Chor weiter gewachsen mit treuen und unterstützenden Mitgliedern im Verein und einem nun schon gewachsenen Austausch untereinander. Gelegenheit wieder jung zu werden gab es reichlich, z.B. am Chortag im Oktober 2019 zusammen mit den vier anderen Teilchören von „älter & besser“ im Brakula. Geradezu etwas Akrobatik und eben jugendliche Aktion verlangte der Workshop „body percussion“, der von vielen angewählt wurde, ein Zeichen für die schlummernde Lust an der tänzerischen Bewegung und dem immer wieder empfundenen Impuls, die musikalischen Empfindungen in körperliche Schwingungen zu verwandeln. Dieselbe Erfahrung brachte nebst weiteren interessanten Workshops die „flashmob“-Probe mit allen unseren fünf Teilchören, wobei schon ohne großes Nachhelfen die Energien freigesetzt wurden, die den Charme der eigentlichen Aufführung ausmachen, eine Aktion, die man eher von Jugendlichen kennt, weil es dabei dynamisch, quirrlig-lebendig und unkonventionell zugeht.

 

Boldly go where no man has gone before

Mutig vorstoßen, wo noch kein Mensch war

 

So war es auch, wir stießen mit dem „flashmob“ in Neuland vor. Vor dem Rathaus ging es am 1.11. los mit „Little light of mine“ in einem Arrangement von Christoph Westphal und einer Choreographie von Inka Neus und begleitet von einer Samba-Gruppe. Zwei Wiederholungen entlang der Mönckebergstraße folgten, mündeten in einen letzten Auftritt in der Wandel-halle des Hauptbahnhofs - eine einzigartige Erfahrung für uns Sänger*innen: die Geschlos-senheit des Raums und unserer Chorgruppe, das Echo aus den Tiefen und Höhen der Halle, die Zuhörer ringsum auf der Galerie, die teilweise angestachelt mitsangen, die Energie, die sich ganz von alleine steigerte und in einem letzten Ausruf spannende Stille in der Halle erzeugte - Wow!

 

Unser Kopf ist rund,

damit das Denken die Richtung wechseln kann.

Francis Picabia

 

Wir sind nicht auf einen Musikstil festgelegt, singen gerne Traditionelles, klassische Titel aus allen Jahrhunderten, Oldies, die uns wieder bei unseren jugendlichen Erfahrungen abholen; geistliche Lieder, die nicht alle Sänger*innen immer wünschen, und auch rhythmisch und musikalisch Schwieriges aus der Pop-Literatur, Launiges und Ernstes aus vielen Kulturen. Interessant sind dabei die Angebote der Chorleiter*innen, die wiederum in Neuland führen und uns Sänger*innen behutsam aus unserer musikalisch gewohnten „Blase“ herausführen können. Produkt dieses vielfältigen und „die Richtung wechselnden“ Angebots ist das „Kanonheft“ mit 70 Kanons, eben auch weniger bekannten. Ausgewählt von Sänger*innen und Chorleiter*innen liegt das Heft gedruckt vor. Ein Exemplar wurde allen ca. 250 Sänger*innen in den fünf Teilchören ausgehändigt und kann ansonsten erworben werden.

 

Versuch einer Bilanz, Bernd-Ulrich Fritz, Haus Drei, Altona


01. Juli 2020

Was heißt eigentlich "Ja dan Duia"?

Ich wollte es wissen: Ja, dan duia – ein sinnvoller Text mit Inhalt?

Die ersten Versuche mit dem Wörterbuch blieben ohne Ergebnis. Im Finnischen gibt es dazu keine Entsprechung. Also, Frage an eine Person, die in der finnischen Sprache zu Hause ist. Bei der Deutsch-Finnischen Gesellschaft Schleswig-Holstein e.V. fand ich sie.
Ihre Vermutung: es ist eine Phantasielautfolge, was ich auch schon vermutete, allenfalls gebe es Anklänge an das finnische Verb uinua = schlummern.

Bild: Dr. Georg Hoffmann
Bild: Dr. Georg Hoffmann

Ja, und da ist doch noch der bezwingende Dreiertakt (in der mittelalterlichen Musik tempus perfectum genannt), wiegend einschlummern lassend, also, „Ja, dan duia…“ vielleicht ein Wiegenlied?

Das vermutet Frau Sinemus-Ammermann von der Deutsch-Finnischen Gesellschaft und fügt noch Informationen des finnischen Rundfunks YLE zur Komponistin Soili Perkiö hinzu:
„Soili Perkiö ist seit mehr als 20 Jahren Dozentin für Musikerziehung an der Sibelius Akademie in Helsinki. Sie hat die meisten der heute tätigen Erzieherinnen in Musikkindergarten ausgebildet und hat an vielen Lehrbüchern ihres Faches mitgewirkt.
Zuerst der Vers, dann die Melodie
Die Lieder von Soili Perkiö sind eher volkstümlich. Sie haben einen mitreißenden Rhythmus und eine leicht zu erlernende, „ohrwurmartige“ Melodie.
Die Komponistin textet ihre Lieder nicht selbst, sondern verpasst vorhandenen Gedichten und Kinderversen eine Melodie. „Wie soll man denn sonst wissen, welche Art von Lied man komponieren soll“, sagt Perkiö.
Sie arbeitet seit vielen Jahren mit der Kinderbuchautorin Hannele Huovi zusammen. Sie lobt die Vielschichtigkeit ihrer Texte. Darin findet jede Altersgruppe ihre eigenen „Dinge“. Noch wichtiger ist allerdings für die Komponistin, dass Huovi ihre Texte vor der Niederschrift laut vor sich hinmurmelt.
„Lieder müssen sich gut im Mund anfühlen. Hannele Huovi spricht ihre Texte laut vor, damit sie weiß, wie sie schmecken und sich anfühlen. Es ist dann sehr leicht, ihre Texte zu vertonen, weil ihnen bereits die Vorstellung innewohnt, wie sich die Zunge im Mund bewegt und tanzt.“


Das passt doch gut zusammen, eine Komponistin, die in der musikalischen Früherziehung tätig ist, eine Texterin, die ihre Texte zuerst lautmalerisch gestaltet, bis sie sich gut anfühlen. Man kann sich vorstellen, dass auf diese Weise der Kanon entstanden ist.

Enttäuschung über fehlenden Sinnbezug des Kanons? Diese Überlegung führt darüber hinaus: Kleinkinder entwickeln ähnliche Laute, sog. Protowörter, die in bestimmten Situationen auch klare Bedeutungen haben - z.B. „na“ für etwas haben wollen oder „wiawia“ = drehen (Knopf, Buchseite, Rad) -, aber auch sinnhaft nicht festgelegt sein können und spielerisch in Kaskaden von Lautfolgen probiert und geübt werden.

Spielerisch Sprache zu gebrauchen zeigt sich bei bestimmten Jugend- und Geheimsprachen, wo sich zwar auch klare Bedeutungen dahinter verbergen können, aber auch die Lust entstehen kann, bedeutungslose Sprachwasserfälle zu inszenieren aus lauter Vergnügen an sprachlichen Erfindungen.

Diese Kunst wird bewusst durch das sog. Grammelot oder Grummelot als Theaterübung eingesetzt, mit wenigen sinnfreien Buchstabenfolgen die Gefühle darzustellen, um in Spielsituationen die Tiefendimension durch Vereinfachung und Verfremdung begreifen zu können. Jeder vorher festgelegte Text würde den Schauspieler einengen, festlegen, seine Darstellung als blutleer erscheinen lassen.

Fazit: der rätselhafte, nicht festgelegte Text von „Ja, dan duia …“ macht frei, die eigenen Gefühle, Assoziationen, Erinnerungen hervorzurufen und zu besingen, verstärkt durch den schwingenden Dreiertakt, sodass „die Seele weit ihre Flügel ausspannen kann, um davon zu fliegen.“

Bernd-Ulrich Fritz, Haus Drei, Altona